Wie eine unmusikalische CD eine Backplosion auslösen kann

Aktualisiert: Mai 3

Sie verdrehen Worte, erfinden neue und tragen schälmisch grinsend selbst verfasste Liebesbriefe vor. Sie heben „Dunkel war’s, der Mond schien helle…“ in seiner Unsinnigkeit auf den nächsten Level und basteln dadaistische Gedichte. Sie? Kinder der dritten Klasse Volksschule.

Es begann damit, dass ich der Lehrerin meiner Tochter vorschlug, mit den Kindern ein Schreiblabor zu machen. Sie war begeistert, zumal die Kinder bei ihr gelegentlich gänzlich frei, ohne Rücksicht auf Rechtschreibung und Grammatik schreiben dürfen. Das Okay meiner Tochter hatte ich mir bereits vorher eingeholt, also konnte es losgehen.


Und so bin ich Ende Februar erstmals mit der halben Klasse (12 Kinder) an einem großen Tisch gesessen. Sie haben mich erwartungsvoll angeschaut und ich habe sie mit einer Knickzettel-Assoziationskette ins Schreiblabor-Wasser geschupst, auf dass sie einen Namen für ihre Gruppe fänden. Zweite Gruppe, same procedure. In der 3A experimentieren seither die Gruppen „Backplosion“ und „unmusikalische CD“.


Ein Schreiblabor ist keine Deutschstunde


Jedes Labor braucht Regeln, so auch unseres, etwa: Jeder Text ist gut. Oder die drei großen Egals: Fehler sind egal. Der einen gefällt, was du geschrieben hast, dem anderen nicht – egal. Mal kommt was raus beim Experiment, mal nicht – egal.


Einigen Kindern war dieser Zugang zum Schreiben – oder im schulischen Verständnis zu Deutsch – regelrecht unheimlich, das konnte ich ihnen ansehen. Vor allem die wollten es mir nicht glauben, die in der Schule nur wenige Erfolgserlebnisse haben.


„Warum machen wir das überhaupt?“


Bei den ersten drei Treffen war immer mindestens ein Kind dabei, das mich verwundert gefragt hat: „Warum machen wir das überhaupt?“ Und ja, meine Antwort „Weil das ein Labor ist und man in einem Labor Dinge ausprobiert“ hat sie bzw. ihn nicht wirklich befriedigt. Aber, sie haben sich alle darauf eingelassen und vorsichtig an diese unschulische Interpretation von „Deutsch“ herantasten.


Mittlerweile legen sie mit (ich interpretiere es als) Begeisterung los, sobald sie die Aufgabenstellung haben – die Abwechslung ist willkommen. Ja, auch und vor allem Kinder mit einer anderen Muttersprache als Deutsch, denn Buchstaben-Erfolgserlebnisse spornen an. Wenn ihnen dabei vermeintlich Falsches oder gar Unsinniges aus der Feder springt, irritiert sie das nicht mehr, im Gegenteil. Das ist großartig zu erleben und es beruhigt mich, denn ich war mir nicht sicher, ob meine Rechnung aufgehen würde.


In jeder Schule sollte es ein Schreiblabor geben, in dem Kinder mit Sprachmaterial experimentieren können. In dem jedes Ergebnis einfach ein Ergebnis ist, ganz ohne Wertung. In dem zu Beginn nicht klar ist, was rauskommt.

Schulpädagogisch taugt nicht fürs Schreiblabor – selber entwickeln hilft


Ich hatte noch eine recht vage Idee, was ich mit den Kindern im Schreiblabor so anstellen würde, als ich mit den PädagogInnen sprach. Dann habe ich kurz geschluckt, denn das Material für diese Altersgruppe ist enden wollend. Das meiste kommt mit einem Lernziel-Hintergrund (oder Hintergedanken?) daher, ist für ältere Kinder und längere Einheiten gedacht. Meine Realität: 8- bis 9-jährige Kinder und knackige 30 Minuten je 12er-Gruppe. Also habe ich mich vom Vorhandenen inspirieren lassen und kurzerhand selbst Übungen entwickelt. Übungen, in denen wir Buchstaben, Wörter und Sätze als Material verwenden, als wären sie Ton zum Töpfern.


Schreiblabor im Freizeitraum


Abgesehen von der Bereitschaft der PädagogInnen müssen einige Voraussetzungen gegeben sein, um ein Schreiblabor im Regel-Schulsetting durchführen zu können. So braucht es den organisatorischen Spielraum einer Ganztagsschule, wie die meiner Tochter, in der Lehr-, Lern- und Freizeit flexibel gestaltet werden können. Und man braucht so vermeintlich simple Dinge wie einen Freizeitraum.


Mein persönliches Zwischenfazit: Ich bin begeistert! Die Kinder müsste halt mal wer fragen.





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