Wie man den Bandwurmsatz zähmt

Ein Schachtelsatz kann schon etwas Bedrohliches haben, wenn von Beginn weg kein Ende in Sicht ist. Wer möchte schon von einem Wort-Ungetüm überfordert werden, das sich über mehrere Zeilen zieht? Richtig, niemand. Trotzdem fließen sie einem immer wieder mal aus der Feder. Wie kann man also Schachtelsätze in inhaltlich verdauliche und sprachlich elegante Einheiten verwandeln?


Es mag wohl daran liegen, dass das neu aufgekommene Gesundheitssystem, das es nun selbst dem finanziell Minderbemittelten, dem sogenannten kleinen Mann von der Straße, ermöglichte, etwas gegen seine Fehlsichtigkeit zu tun und sich nicht von ihr in die Knie zwingen zu lassen, Krankenkassenbrillen in großen Massen produzieren ließ, da die Privatwirtschaft mit der Produktion, die damals noch stark von Handarbeit geprägt war, schon alleine für die kaufkräftigere Schicht nicht mehr nachkam und auch der kleine Mann, jener von der Straße, der sich diese teuren Gestelle sowieso nicht hätte leisten können, den Wunsch nach klarer Sicht verspürte.


Gut möglich, dass „uff“ die erste Reaktion war, die ihr beim Lesen dieses 96 Wörter langen Ungetüms hattet. Gut möglich, nein, sehr wahrscheinlich, dass ihr etwa in der Mitte noch einmal an den Anfang zurückgehen musstet, um wieder Anschluss an den Inhalt zu finden. Grammatikalisch mag der Satz stimmen, bei der Textverständlichkeit versagt er vollends.


Dieser Bandwurmsatz, der sich durch ineinander verschachtelte Gliedsatzgirlanden hervortut, ist bei einem Schreibworkshop entstanden. Die Aufgabe war, möglichst lange Sätze zu bilden. Als Inspiration diente mir eine alte Krankenkassenbrille, die ich aus einer Sammlung unterschiedlicher Gegenstände ausgesucht hatte. Mit dieser Aufgabe im Hinterkopf ist der Satz in diesem Laborsetting extra lange und verworren geworden.


Textverständlichkeit vor Satzlänge


Doch auch im Alltag, in beruflichen und wissenschaftlichen Texten, begegnen uns Schachtelsätze. Diese stilistischen Monster passieren einem, wenn man zu viele Informationen in einen einzelnen Satz zu packen versucht. Und hier verbirgt sich auch schon die Lösung zur Zerschlagung des Schachtelsatzes: Finde die Sinneinheiten. Denn – und das darf man nicht aus den Augen verlieren – der Sinn und Zweck eines Textes ist es, verstanden zu werden. Letztlich will man mit einem Text überzeugen, begeistern, Zusammenhänge erklären, informieren, das Image pflegen, sich positionieren, zu einer Handlung aufrufen oder gleich mehreres davon. Daher heißt die Zauberformel: Textverständlichkeit schlägt Satzlänge.


Und so funktioniert es


Schachtelsätzen sind regelrechte Stolperfallen im Text. Mit diesen Schritten könnt ihr sie zähmen:

  1. Findet die Sinnzusammenhänge und teilt sie auf mehrere Sätze auf. Es soll nur ein Gedanke oder ein Argument je Satz vorkommen.

  2. Setzt dabei auf Hauptsätze. Es kursieren unterschiedliche Richtwerte, wie lange ein Satz sein soll. Manche meinen maximal 15 Wörter, andere maximal 25. Peilt einfach die goldene Mitte an; mit 20 Wörtern lässt sich viel sagen.

  3. Keine Regel ohne Ausnahme: Ein einzelner Satz darf schon mal länger sein, um eine Sinneinheit zu Papier zu bringen. Doch wenn ihr beim Lesen Luft holen müsst, war es zu viel des Guten.

  4. Ein Hoch auf die Variation! Nur Hauptsätze lesen sich nicht gut, weswegen ihr durch Sätze mit einem Nebensatz Abwechslung in euren Text bringen solltet. Noch ein Tipp: Nachgestellte Nebensätze versteht man am einfachsten.

  5. Zeigt Mut zum Doppelpunkt. Er eignet sich hervorragend, um einen Schachtelsatz zu zerschlagen: Zwei Sinneinheiten werden getrennt, ohne gänzlich auseinandergerissen zu werden (so wie hier). Ähnliches gilt für den Strichpunkt (siehe 2.).

  6. Orientiert euch am gesprochenen Wort, denn die wenigsten Menschen formulieren Schachtelsätze.

  7. Das Ziel ist also Variation in der Satzlänge bei gleichzeitiger Verständlichkeit.


Und wie könnte eine Lösung für das Schachtelsatz-Ungetüm von weiter oben aussehen? Vielleicht so:

Das neu aufgekommene Gesundheitssystem ermöglichte es dem finanziell minderbemittelten, sogenannten „kleinen Mann von der Straße“ etwas gegen seine Fehlsichtigkeit zu tun: Er musste sich von ihr nicht mehr in die Knie zwingen lassen. Denn Krankenkassenbrillen wurden in großen Massen produziert. Die Privatwirtschaft kam hingegen mit der Produktion schwer nach, da diese stark von Handarbeit geprägt war; sie konnten kaum mehr die kaufkräftige Schicht bedienen. Der angesprochene „kleine Mann“ hätte sich diese Brille jedoch sowieso nicht leisten können, obwohl auch er den Wunsch nach klarer Sicht verspürte.


P.S.: Heute ist der „Tag der Schachtelsätze“. Ja, es ist höchst skurril, das jemand einen Ehrentag für die Hypotaxe ausgerufen hat. Aber für mich ist es gut. Denn so hat der Schachtelsatz Eingang in den Redaktionsplan für meinen Blog gefunden. Ehre, wem Ehre gebührt.


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