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Gebt uns mehr davon!

Aktualisiert: 22. Nov 2019

Warum Fußball und Kunst entfernte Verwandte sind und warum der Tormann beim Elfmeter keine Angst zu haben braucht.

Vor wenigen Tagen präsentierten Lehrgangsteilnehmer*innen am Institut für Kulturkonzepte ihre Abschlussarbeiten und ich durfte beisitzen. Von der ersten Minute weg war ich begeistert von den grandiosen Ideen und der Bandbreite der Projekte. Ich gebe zu, je länger die Präsentationen dauerten, umso öfter musste ich meine Gedanken zurück in den Raum zerren, denn sie drifteten unweigerlich ab. In meinem Kopf saß ich bereits in den Vorstellungen oder machte mit. Ich überlegte mir, wen ich mitnehmen könnte und wem ich davon erzählen müsste. Mein PR-Hirn begann zu formulieren und Fotomotive zu ersinnen.


Jedes einzelne Mal endete meine Gedankenreise beim stummen Ruf „Dieses Projekt gehört finanziert!“, um von dort ungebremst am Boden der Realität aufzuklatschen. Denn mit der Finanzierung ist da so eine Sache – eine falsche, vertrottelte, kurzsichtige Sache. Seit vielen Jahren schon, jetzt und in Zukunft wohl noch mehr.


Sportfans, besonders die Fußballer unter euch, ihr könnt gerne ab hier in den Text einsteigen


Man kann noch so zaghaft nach Geld für Kunst und Kultur rufen, immer knallt von irgendwoher ein „Wer braucht denn das schon?!“ zurück. Heute frage ich höflich zurück: „Und Skifahren oder Fußball? Wer braucht das schon?“ Die Antworten: Das kann man doch bitte nicht vergleichen! Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, die Identifikation mit dem Verein, das ist was ganz was anderes. Das gibt einem richtig was. Das fördert sogar den Zusammenhalt ganzer Nationen. Und überhaupt, die lange Tradition erst. Nicht zu vergessen, der Wirtschaftsfaktor und die Umwegrentabilität. Und bitte, der Mensch lebt ja nicht nur für die Arbeit.


„Danke“ sage ich da und deute einen Gschamsterdiener an. Danke, dass ihr die Bedeutung der Kunst für uns Menschen so umfassend nennt und ergänze: Kunst gewährt uns Einblicke in andere Lebenswelten, in die Köpfe und Herzen anderer. Sie erlaubt eine Reise in die Vergangenheit, einen Ausflug zu Gegenwartsentwürfen und eine Expedition mitten hinein in Zukunftsszenarien. Sie bietet mit ihren unterschiedlichen Darstellungsformen Raum für Unangenehmes, Unangepasstes, Unrealistisches, Unglaubliches, Unsinniges. Sie öffnet Türen zu bislang verborgenen Ecken unserer Seele. Sie bietet unseren Emotionen eine Projektionsfläche und ist Ausdrucksform dafür, wofür uns Worte fehlen.


Ist Kunst der bessere Sport?


Ich werde Kunst und Sport nicht gegeneinander ausspielen. Das liegt mir fern. Ich lasse sie hier lieber ein wenig enger zusammenrücken.


Der 11-Meter-Schuß knapp über die Fingerspitzen des Tormanns gesetzt, die Fahrt von weit hinten mitten hinauf aufs Sieger*innen-Podest, beides mag einer guten Tagesverfassung geschuldet sein. Aber die kann sich nur hervortun, wenn sie in jahrelanger Arbeit aufgebaut wurde. Sportler*innen müssen viel trainieren, das ist unbestritten. Sie brauchen Zeit, um ihren Platz zu finden (Verteidigung oder Sturm, Slalom oder Skicross), ihre Technik zu entwickeln und zu verfeinern, Fehler zu machen und aus ihren Rückschlägen zu lerne. Eh klar, versteht jede*r.


Wenn es um die Arbeit von Künstler*innen geht, dann hört es sich schnell auf mit dem Common Sense. Dabei brauchen auch sie Zeit, um ihren Platz zu finden, Ihre Technik zu…


Daher: Gebt uns mehr davon!


Damit zurück zum Ruf nach Finanzierung. Es ist nicht einzusehen, warum Künstler*innen grosso modo am Rande des Prekariats balancieren müssen (mit viel Glück nur am Rande). Es ist nicht einzusehen, dass Kulturbetriebe ihren Mitarbeiter*innen nahezu lächerliche Gehälter und Externen nur verschwindend geringe Honorare zahlen können. Wir reden ja nicht von Naturgesetzen. Welcher Sparte wie viel Bedeutung, auch und vor allem monetär, zugestanden wird, ist eine politische wie gesellschaftliche Entscheidung.


Ein Kulturbetrieb lässt sich nicht nebenbei führen, Kunst kann sich nebenberuflich nicht zu voller Form entfalten. Punkt. Und deswegen:


Liebes Christkind, ich wünsche mir heuer ein großes Packerl „mehr“ für die Kunst; mehr Budget, mehr Anerkennung, mehr Bewusstsein, mehr Verständnis, mehr Begeisterung – kurz, mehr von alledem, dafür weniger Hungertuch.

Ich bedanke mich dafür mit einer La-Ola-Welle und mit tosendem Applaus.



Das obere Foto habe ich 2016 beim Besuch der Ausstellung „Baroque Baroque“ von Olafur Eliasson im Winterpalais des Belvedere gemacht. Das untere Bild ist im Museum der Illusionen entstanden.


Als Weihnachtsgeschenk an mich, gibt’s dieses Mal extra viele Hashtags:

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